Klagenfurter Schule

Die Klagenfurter Schule der Gruppen- und Organisationsdynamik

Die Klagenfurter Schule der Gruppen- und Organisationsdynamik versteht sich in der Tradition der Erkenntnisse Kurt Lewins. In Verbindung mit der Idee einer praktisch werdenden Philosophie wurde die Gruppendynamik in der Gründungsphase der Universität Klagenfurt in den 1970-er Jahren als wissenschaftliches Fach etabliert.

Was ist Gruppen- und Organisationsdynamik?

  • Gruppen- und Organisationsdynamik als praktische Philosophie
  • Die Idee der Selbstaufklärung
  • Steuerung sozialer Prozesse
  • Entscheidungen und die Funktion von Führung
  • Die politische Dimension der Gruppen- und Organisationsdynamik
  • Gruppen- und Organisationsdynamische Lernsettingsettings

Gruppen- und Organisationsdynamik als praktische Philosophie

Die Entwicklung der Gruppendynamik hat – zumindest in Österreich, und hier vor allem in Klagenfurt – eine enge Verbindung mit der Philosophie. Ihre fachliche Identität ist eine besondere. Als Disziplin liegt sie quer zur Ordnung der Fächer und Fakultäten und ist in allen Gebieten relevant, in denen das jeweils Fachliche mit sozialen Prozessen und ihrem Management verknüpft ist – Wirtschaft, Technik, Gesundheit, Recht, Erziehung, Politik, Religion, Sport u.a.m. Als angewandte Sozialwissenschaft löst sie ein chronisches Problem der Philosophie: ihr Praktischwerden. Die Gruppendynamik ist in der Lage, die Verhältnisse über sich zum Nachdenken zu bringen, zur Reflexion ihrer selbst.

Die Idee der Selbstaufklärung

Das Vermächtnis der Aufklärung ist der Hinweis auf die Fähigkeit des Menschen, sich eigene Gedanken machen zu können. Die Aufklärung steht auch für die Ermutigung, von dieser Fähigkeit Gebrauch zu machen. Konzentrationspunkt ist dabei zweierlei: die Auseinandersetzung mit der „Kultur“ im Allgemeinen, dem jeweils Geltenden und denjenigen, die es repräsentieren, den Autoritäten – und den konkreten Machthabenden im Besonderen. Diese Auseinandersetzung ist nicht vermeidbar, sie lässt sich nicht an Spezialisten delegieren, noch lässt sie sich durch den Anschluss an „Wissende“ ersparen. Selbstaufklärung ist die Bestimmung all dessen, was uns bestimmt. Sie ist die Quelle jeglichen Selbstbewusstseins, das wiederum Fundament jeder Selbstbestimmung ist.
Die Aufklärung ist keine bloß geistesgeschichtliche Epoche, sondern die Skizze einer Utopie, ein Anspruch, der weit davon entfernt ist schon eingelöst zu sein. Die Gruppendynamik ist eine Form reflektierender Praxis, die sich der Idee der Selbstaufklärung verschrieben hat.


Steuerung sozialer Prozesse

Die Möglichkeit der Steuerung sozialer Prozesse wirft massive Probleme auf. Das konventionelle Muster, eine technoide und autokratische command-and-control-Steuerung mag zwar kräftig aussehen, vergibt jedoch viele Chancen, die sich durch partizipative Formen der Steuerung einstellen. Hier kommt der gemeinsamen Reflexion aller, die an den Prozessen direkt und indirekt beteiligt sind, höchste Bedeutung zu. Die Gruppendynamik mit ihrem spezifischen Blickwinkel auf soziale Prozesse liefert sowohl den Denkhintergrund als auch die entsprechenden Designs für die Herstellung kollektiver Reflexion. Diese in Gang zu bringen ist keineswegs trivial und stellt eine besondere Herausforderung für alle Verantwortlichen dar.

Entscheidungen und die Funktion von Führung

Die Herstellung von Entscheidungen stellt den Kulminationspunkt in der Steuerung sozialer Prozesse dar. In ihrem konventionellen Verständnis beansprucht Führung immer die Macht Entscheidungen zu treffen. In Organisationen ist das Treffen von Entscheidungen daher immer in ein „Hierarchiespiel“ eingebettet. Gleichzeitig gehen hierarchische Entscheidungen immer mit zwei potenziellen Kollateralschäden einher. Zum einen ist keineswegs ausgemacht, dass sie die qualitativ besten Entscheidungen sind, zum anderen haben sie Auswirkungen auf die Motivationslage derer, die mit der Umsetzung der Entscheidungen befasst sind. Wenn man aber mehr Partizipation realisieren möchte, bleibt es oft bei Absichtserklärungen. Das Zusammenspiel von bottom-up- und top-down-Prozessen zu inszenieren, gehört zu den größten Herausforderungen der Führungskunst. Die Realisierung von Partizipation ist dabei von einer Paradoxie gekennzeichnet, sie braucht Führung, um auf die Beine zu kommen.


Die politische Dimension der Gruppen- und Organisationsdynamik

Bereits seit ihren Anfängen steht die Gruppendynamik im Zeichen der „Lösung sozialer Konflikte“, wie Lewin sagte. Dass diese eminent politische Dimension der Gruppendynamik zeitweilig in Vergessenheit geriet, liegt an einer Verflachung durch verschiedene Nutzanwendungen, in denen es nur mehr darum ging, die in einem Arbeitszusammenhang miteinander verbundenen Personen auf eine Zielsetzung auszurichten, also das Potenzial der Gruppendynamik auf Effizienz hin zu verdünnen. Tatsächlich aber lebt das Wesen der Gruppendynamik von der Mitgestaltung Aller in einem gegebenen sozialen Kontext. Partizipation ist daher eine politische Kategorie. Dies kann aber nicht auf der Ebene eines bloßen „Konzepts“ verbleiben. Kollektive Willensbildung beginnt bei sehr elementaren sozialen Lernprozessen, wie sie in den gruppendynamischen Laboratorien stattfinden. Der „private“ Mensch ist jemand, der sich nur um sich, seine Familie und seinen Schrebergarten kümmert, der politische Mensch ist jemand, der sich auch um andere kümmert und vor allem um die Gestaltung des Gemeinwesens. Das ist ein Lernprogramm.

Gruppen- und Organisationsdynamische Lernsettings

Gruppen- und organisationsdynamische Lernsetting sind unkonventionell, sie leben von der Zumutung von Freiheit. Alle Alltagsgewohnheiten sind in der Regel darauf ausgerichtet, in einer mehr oder weniger verlässlichen Struktur gesichert zu sein. Diese Form von Außensteuerung wird in speziell designten Lernsettings zurückgenommen, sodass Konstellationen entstehen, die einen Gestaltungsspielraum eröffnen. Dieser kann erst genutzt werden, wenn die Anwesenden zu einer kollektiven Vergemeinschaftung finden, die nach Überwindung der allfällig vorhandenen Führungsbedürftigkeit von einer Meinungs- zu einer Willensbildung fortschreitet. Die Settings konzentrieren sich auf die nach unterschiedlichen Prinzipien funktionierenden Sozialkörper Gruppe und Organisation, man lernt über Gruppe, indem man Gruppe macht, und über Organisation, indem man Organisation macht. Man selbst ist immer Teil der Situation, die bearbeitet wird. Dies führt zu einer Art von „Selbstverdopplung“, man beobachtet und man handelt. Der Zusammenschluss dieser beiden Verhaltensebenen erfolgt durch Reflexion, also durch die Etablierung einer Metaperspektive. Auch für individuelles Lernen sind die Settings ertragreich, gruppendynamische Laboratorien sind überaus feedbackintensiv.

Univ.-Doz. Dr. Ewald Krainz